„Joe all alone“: Folge zur Ansicht und Interview mit der verantwortlichen Redakteurin

„Joe all alone“: Folge zur Ansicht und Interview mit der verantwortlichen Redakteurin

An welche Altersklasse richtet sich „Joe all alone“ und warum ist die Serie für diese geeignet?

 

Ulrike Ziesemer: „Joe all alone“ ist für Kinder ab 11 Jahren geeignet. Für jüngere Kinder ist das Programm zu verstörend, denn Joe wird von seiner Mutter im Stich gelassen, weil sie mit ihrem Freund in den Urlaub fahren will. Auch wenn es zumindest für den dreizehnjährigen Joe ein versöhnliches Ende gibt, ist der Vertrauensbruch der Mutter für ein jüngeres Publikum zu belastend. Den älteren Zuschauern zeigt Joe, dass Hoffnungslosigkeit und Lebensfreude, Angst und Mut, Enttäuschung und Begeisterung manchmal sehr nah beieinander liegen. Er wird von seiner Mutter zwar allein gelassen, aber merkt bald, dass er nicht allein ist.

 

 

Wie wird das Thema „Kindeswohlgefährdung“ erzählt?

 

Ulrike Ziesemer: Joe und seine Mutter wohnen in einer Sozialsiedlung in England. Bei ihnen lebt der fiese Freund der Mutter, Dean. Er bedroht Joe, schlägt ihn und schüchtert ihn ein. In diesem Umfeld versucht Joe trotzdem, ein guter Schüler zu sein. Seine Lehrerin schätzt ihn, er liest Huckleberry Finn und es fällt auf, als er die Unterschrift für die Anmeldung zur Klassenreise nicht mitbringt.

 

Als Joe allein gelassen wird, versucht er zuerst, das Ganze als ein cooles Abenteuer zu sehen. Immerhin ist er für ein paar Tage auch Dean los, seine Mutter hat ihm etwas Geld dagelassen und er hat Zugang zu Computerspielen. Als nach den sieben geplanten Tagen „Ferien allein zu Hause“ aber niemand kommt, wird ihm bewusst, dass seine Mutter nicht ein einziges Mal angerufen und sich nach ihm erkundigt hat. Er hat kein Geld mehr für Lebensmittel und isst Verdorbenes aus dem Kühlschrank. Auch bei der Lebensmittelvergiftung, die er ganz allein überstehen muss, ist die Hoffnungslosigkeit greifbar. Und schließlich gibt es auch noch einen Kriminellen, der Joe bedroht, da Dean in schmutzige Geschäfte verwickelt ist. Die Verzweiflung angesichts seiner Lage wird nur erträglich, da er in Asha eine Freundin gefunden hat, die sich um ihn sorgt und sich kümmert.

 

Als der Lehrerin auffällt, dass bei Joe offensichtlich etwas nicht stimmt, schaltet sie das Jugendamt ein und auch die Nachbarn sorgen sich um den Dreizehnjährigen, der mittlerweile zwei Wochen ganz allein überstanden hat. Immer wieder gibt es Nachfragen nach der Mutter und im direkten Konflikt mit dem Ganoven kommt ihm eine ganze Gruppe von Männern aus der Nachbarschaft zu Hilfe.

 

Welche Themen behandelt die Realserie daneben?

 

Ulrike Ziesemer: Ein großes Thema von „Joe all alone“ ist die erste Liebe. Joe und Asha haben sich in einer Krise getroffen. Nachdem Joe gegenüber Asha zuerst als der coole Junge von nebenan auftritt und sie z.B. mit seiner Frisur beeindrucken möchte, wird ihm schnell klar, dass sie auch diejenige ist, die ihm helfen möchte und der er vertrauen kann. Auch wenn er ihr anfangs nicht die ganze Wahrheit sagt, übersteht ihre Beziehung offensichtlich die schlimme Zeit.

 

Vertrauen ist ein anderes Thema, mit dem sich die Serie beschäftigt. Es geht um den Vertrauensverlust zwischen Mutter und Sohn, darum, fremden Menschen, die helfen wollen, zu vertrauen und auch um das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Joe stellt an einer Stelle der Geschichte fest, dass er sich trotz aller Widrigkeiten „bis hierhin ganz gut geschlagen hat“.

 

Wie würden Sie Joes Charakter beschreiben?

 

Ulrike Ziesemer: Joe ist eigentlich der nette Junge von nebenan. Er hängt an seiner Mutter, hat aber ganz klar erkannt, welche Probleme sie – vor allem mit Männern – hat. Er sehnt sich nach früheren Zeiten, in denen sie allein lebten und Huckleberry Finn gelesen haben. In der Schule hat Joe mit Mobbing zu tun, ein älterer Schüler bedroht und erpresst ihn. Als er vom Nachbarn Geld stiehlt, fühlt Joe sich so schlecht, dass er das Geld mit einer Entschuldigung später zurückgibt. Selbst in großer Not hat er ein starkes Bewusstsein für Richtig und Falsch. Nachdem er zuerst das Schutzgeld bezahlt, bringt er später den Mut auf sich zu wehren. Sicherlich spielt seine neue Freundin Asha hier auch eine entscheidende Rolle, denn wie viele Jungs in seinem Alter möchte er dem Mädchen imponieren.

 

Joe ist klug und ein tapferer, liebenswerter Junge, der sich und seine Mutter schützen möchte, dann aber erkennt, dass es aus bestimmten Situationen nur einen Weg gibt, wenn man sich helfen lässt.

 

 

Vor welchen Entscheidungen steht Joe und wie begegnet er diesen? Wie wächst er an den Herausforderungen?

 

Ulrike Ziesemer: Bevor Dean mit Joes Mutter nach Spanien gefahren ist, hat er dem Jungen eingebläut, niemandem zu verraten, dass er allein zu Hause ist. Denn sonst – so Dean – würden sie kommen, die Mutter einsperren und Joe käme in eine „Anstalt“. Die Angst davor hindert Joe daran, jemandem zu erzählen, dass er allein ist. Als er aber an einem Punkt totaler Verzweiflung und Mutlosigkeit ist, offenbart er sich Asha.

Das Geld, das Joe im Spülkasten findet, rührt er zuerst nicht an, trotz Hunger und diverser „Versorgungslücken“. Denn er ahnt, dass diese 20.000 Pfund nur Ärger bedeuten. So muss er nicht nur dem imaginären Dean klar sagen „Du bist nicht real!“ um ihn loszuwerden, sondern auch einem ganz realen Gangster mit Hilfe von Nachbarn die Stirn bieten.

 

Als Asha feststellt, dass er aus London verschwinden muss und vorschlägt, zu seiner Oma zu fahren, entscheidet Joe sich, ihr nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Zu verlockend klingt die Flucht mit Asha an einen scheinbar sicheren Ort. Am Ende kommt natürlich doch alles raus und Joes Befürchtung, von seiner Mutter getrennt zu werden, wird wahr. Aber er erkennt hier eine Chance für einen Neuanfang und nutzt sie.

 

 

Welche filmischen Mittel setzen Sie ein, um Joes Geschichte zu erzählen?

 

Ulrike Ziesemer: Joe erzählt seine Geschichte rückblickend selbst. Er befindet sich dabei schon in Gesellschaft der Sozialarbeiterin, so dass relativ schnell klar ist, dass er aus der Vernachlässigung und den bedrohlichen Situationen heil herauskommt. Immer wieder taucht er in der geschützten Umgebung auf und spricht die Zuschauer*innen direkt an, holt sie sozusagen ins Vertrauen.

 

Dean, der asoziale Freund der Mutter, taucht unheimlicher Weise auch dann auf, als er eigentlich in Spanien und weit weg sein sollte. In Joes Vorstellung erschreckt Dean ihn immer wieder, er sitzt im Schrank, taucht hinterm Duschvorhang auf oder in der Küche, bedroht ihn und bildlich gibt es anscheinend erstmal kein Entkommen.

Es gibt kleine, comicartige Stilmittel und einen erwachsenen Off-Sprecher (im Original der berühmte Richard Attenborough), der besondere Szenen humorvoll kommentiert und ihnen so auch das Bedrohliche oder Verzweifelte nimmt. Bekannt ist der britische Regisseur und Schauspieler unter anderem aus „Jurassic Park“ und das „Wunder von Manhattan“.